• 2013.07.09
    Matthias RatheiserZum Profil
    Matthias Ratheiser
    • Weatherpark Geschäftsführer

    Heiße Städte im Klimawandel

    Mitte Juni 2013 war es in der Innenstadt von Wien an vier Tagen hintereinander über 30°C heiß. Das ist kein Einzelfall, denn die mittlere Anzahl der Tage pro Jahr mit einem Maximum von mehr als 30°C hat sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts auf 15 fast verdoppelt. Dieser Effekt ist eine Folge des Klimawandels, den wir derzeit miterleben. Doch welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf die Planung von Städten und Gebäuden?

    Der Klimawandel wird, soweit es die bisher entwickelten Szenarien erkennen lassen, die einzelnen meteorologischen Parameter verändern und daher auf das Wohlbefinden der Menschen im Freien – den so genannten Humankomfort - Einfluss nehmen. Auf Stadtgebiete trifft dies in besonderem Maße zu, da einige der relevanten Faktoren durch die städtische Bebauung eine zusätzliche Verstärkung erfahren. Der Effekt der städtischen Wärmeinsel etwa, der den Temperaturgegensatz zwischen Stadt und Land zum Ausdruck bringt, führt bei einem durch den Klimawandel induzierten generellen Anstieg der Lufttemperatur zu einer überproportional stärkeren Zunahme der Temperatur in Ballungsräumen. Das bewirkt eine Ausweitung der Zonen mit Hitzestress im Stadtgebiet, was wiederum die Zahl der Hitzetoten ansteigen lassen wird. Dem kann durch eine geeignete Freiraum- und Stadtgestaltung, die die meteorologischen Zusammenhänge berücksichtigt, entgegen gesteuert werden. Derzeit wird etwa in Paris eine Umgestaltung des Place de la République nach Humankomfort-Kriterien durchgeführt (stark reflektierende Oberflächen, Wasserspiele, Schattenspender,...).

    Wichtig ist, dass die Begrifflichkeiten und Phänomene richtig benannt werden. Denn der Wärmeinseleffekt (z.B.: Gebäude der Stadt speichern unter Tags Energie und geben diese in der Nacht ab und halten so die Lufttemperatur höher als in der Umgebung) ist in mitteleuropäischen Städten in klaren Winternächten am stärksten ausgeprägt. In einer Dezember-Nacht 2010 war etwa der Temperaturunterschied zwischen der Innenstadt in Wien (-6,4°C, „warme“ Insel) und dem nahe Wien gelegene Groß Enzersdorf (-20°C, kalte Umgebung) 13,6°C. An einem heißen Sommernachmittag 2011 hatte die Innenstadt 33,5°C, Groß Enzersdorf 33,0 °C. Aber auch mit einem schwachen Wärmeinseleffekt unter Tags wird im Sommer die Stadt als (viel) heißer als die ländliche Umgebung empfunden. Dies ist jedoch hauptsächlich auf die bisherige Planung, Gestaltung und Umsetzung von Gebäuden und Freiflächen in der Stadt zurückzuführen. Denn diese bewirken tagsüber oftmals eine Verringerung des Humankomforts und nicht so sehr eine Erhöhung der Lufttemperatur in der Stadt im Vergleich zum Umland. Zusätzlich haben Hitzeperioden mit niedrigem Humankomfort in der Stadt auch noch hohe Temperaturminima in der Nacht und verhindern somit eine Erholung vom Hitzestress (rund 4-5°C Unterschied zum Land). Als Folge sind vermehrt Gesundheitsprobleme und eine höhere Sterblichkeit im Zuge von Hitzeperioden zu beobachten.

    Für ein nachhaltig verträgliches Stadtklima ist die Sicherstellung einer ausreichenden Versorgung mit (kühler) Frischluft entscheidend. Eine gute Belüftung wird erreicht, indem bestehende Luftschneisen nicht durch Bebauung blockiert und in dem neue Wege für die Frischluft geschaffen werden. Weiters ist die Schaffung und richtige Positionierung von Grünzonen für die Frischluftversorgung bedeutend. Außerdem sollten bei der Planung von Gebäuden Freiräume vorgesehen werden, die angenehme Verhältnisse für einen längeren Aufenthalt schaffen.  Maßnahmen, die die erwähnten hohen gefühlten Temperaturen abmildern, werden immer wichtiger, da ja bereits jetzt im Sommer an 15 Tagen oder mehr die 30°C-Marke überschritten wird.

    Die erwähnten Werkzeuge gemeinsam mit dem Know-How von Meteorologen ist für die nachhaltige Planung und Gestaltung unserer klima(wandel)angepassten Städte unentbehrlich. Diese beginnt bei der nachhaltigen Planung der einzelnen Gebäude, weshalb daran gearbeitet wird, das Thema Mikroklima in das Zertifizierungssystem der ÖGNI aufzunehmen.


    Mag. Matthias Ratheiser
    Mag. Simon Tschannett
    Mag. DI Wolfgang Gepp

    Geschäftsführer, Weatherpark  GmbH – Meteorologische Forschung und Dienstleistungen
    Veröffentlicht in:
    Es können zu diesem Blogeintrag keine neuen Kommentare mehr erstellt werden.
    2 Kommentare
    • Georg Heinz @ 11.07.2013
      Das neue Wissen finde ich richtig gut und stimmig; gerade bei diesem Sommer. Echt gut geschrieben, da es für mich lesbar ist.
    • Susanne Ausserer @ 11.07.2013
      Danke. Super Input. Endlich verstehe ich es.
  • 2013.07.02
    Christian WetzelZum Profil
    Christian Wetzel

    Jetzt neu: Lebenszyklus-Rendite

    Im Rahmen der Lebenszykluskostenanalyse werden die Herstellungskosten, die Kosten innerhalb der Nutzungsphase und die Rückbaukosten eines Gebäudes untersucht. In Ermangelung belastbarer Informationen in der frühen Planungsphase lassen es einige Nachhaltigkeits-Bewertungssysteme (z.B. der DGNB) zur Ermittlung der zu erwartenden Kosten in der Nutzungsphase jedoch zu, einen prozentualen Aufschlag auf die besser bekannten Herstellkosten vorzunehmen. Der Lebenszykluskosten-Ansatz ist somit auf die Herstellungskosten eines Gebäudes fokussiert.

    Es ist nicht verwunderlich, dass bei dieser Herangehensweise Gebäude, die in Top-Lagen errichtet werden, und bei denen aufgrund luxuriöser Ausstattung und hochwertiger Materialien die Herstellungskosten entsprechend hoch ausfallen, auch bei der Betrachtung über die gesamte Lebensdauer hinweg hohe Lebenszykluskosten aufweisen. Da aber in den meisten Nachhaltigkeits-Bewertungssystemen die Lebenszykluskosten die ökonomische Qualität des Gebäudes maßgeblich beeinflussen, kann dies bei einer Nachhaltigkeitsbewertung zu einer insgesamt schlechten Bewertung dieser Immobilien führen. Somit entsteht der Eindruck, dass Gebäude mit hohen Herstellungskosten automatisch "unökonomisch" seien.
    Diese These ist selbstverständlich nicht haltbar, da Gebäude in Top-Lagen hohe Qualitäten aufweisen sollten, um entsprechend hohe Mieteinnahmen oder Verkaufserlöse zu erzielen. Konkret: Nach dem Lebenszykluskostenansatz ist ein Neubau mit Herstellungskosten von 2.500 €/m² und einem Verkaufserlös von 3.000 €/m² tatsächlich "ökonomischer" als ein Neubau mit Herstellungskosten von 5.000 €/m² und einem Verkaufserlös von 12.500 €/m².

    Um diesen Missstand aufzulösen sollte statt der "Lebenszykluskosten" die "Lebenszyklus-Rendite" betrachtet werden. Dieser Ansatz findet bei der BlueCARD bereits Anwendung. Hier werden neben den üblichen Kosten auch die Erträge während der Nutzungsphase berücksichtigt. Dies geschieht in Form von Nettokaltmieten (im eigengenutzten Bereich entsprechend kalkulatorischen ortsüblichen Mieten), die mit Leerstandsraten und Mietsteigerungsraten gewichtet werden.
    Die hierzu notwendigen Informationen werden in den meisten Unternehmen ohnehin bereits ermittelt. Während die Einnahmenseite in der Unternehmenssteuerung und im Controlling detailliert abgebildet wird, sind die Themen Nachhaltigkeit und Kosten hingegen eher im technischen Bereich angesiedelt. Im Sinne einer holistischen Betrachtung von Immobilien über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg, müsste man also nur die ohnehin vorhandenen Daten besser vernetzen.
    Es können zu diesem Blogeintrag keine neuen Kommentare mehr erstellt werden.
    0 Kommentare
    • Es sind noch keine Kommentare vorhanden